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Dieser Artikel umfasst die wesentlichen Punkte des Methodenateliers zum Thema «teilnehmende Beobachtung in Evaluationen», das die Autor:innen im Rahmen des SEVAL-Kongresses 2025 geleitet haben. Ziel ist es, einen Einblick zum Einsatz der teilnehmenden Beobachtung im Evaluationskontext zu geben und die Anwendung anhand einer konkreten Projektevaluation zu illustrieren.
Hintergrund des Methodenateliers war die Annahme, dass wir qualitative Methoden in Evaluationsprojekten häufig mit Interviews, Fokusgruppen und Workshops gleichsetzen. Teilnehmende Beobachtung spielt hingegen im Evaluationsalltag eher eine untergeordnete Rolle. Diese Tatsache erstaunt, galten Beobachtungsdaten in der Soziologie, Ethnologie und Anthropologie doch seit jeher als eine Art Königsweg bzw. Goldstandard der (qualitativen) Datenerhebung (Lamnek/Krell, 2016).
Hinter diesem Status als Goldstandard bei der Erhebung von qualitativen Daten in der Sozialforschung verbergen sich zwei theoretische Hypothesen. Zum einen geht die verstehende Soziologie bzw. die Wissenssoziologie davon aus, dass andere Subjekte bestenfalls bruchstückhaft bzw. «approximativ» verstanden werden können und dass ein «totales Verstehen», also eine 1 zu 1 Nachempfindung des Sinns einer anderen Person, grundsätzlich unmöglich ist (Eberle, 1999). Dass die approximative Erfassung der sozialen Wirklichkeit bzw. der (Fremd-)Perspektive anderer Menschen aber trotzdem gelingen kann, liegt daran, dass sich etablierte Ordnungen, Muster und Normen in der Gesellschaft entwickelt haben, die wir i.d.R. im Alltag ohne grosse Probleme anwenden und verstehen können, wenngleich eben nur aus der Fremdperspektive. Theoretisch ist demnach soziale Wirklichkeit nicht einfach gegeben, sondern sie wird permanent gesellschaftlich konstruiert. Berger und Luckmann (1977) sprechen von der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit und verstehen darunter die Dialektik von «subjektiver» und «objektiver» Wirklichkeit.
Zum anderen ist es aus der Perspektive der verstehenden Soziologie bzw. der Wissenssoziologie sehr herausfordernd, die soziale Wirklichkeit anderer Menschen methodisch überhaupt fixieren bzw. erfassen zu können (Bergmann, 1985). Doch genau das kann die Aufgabe von Evaluator:innen sein, wenn es darum geht, eine vielschichtige, komplexe soziale Wirklichkeit nachvollziehbar und methodisch für die Analyse zugänglich machen zu müssen. Dafür eignet sich teilnehmende Beobachtung besonders gut, weil ein:e Evaluator:in mit dieser Methode näher an den Subjekten, Praktiken und Interaktionen ist und es möglich wird, eine sog. dichte Beschreibung (Geertz, 1973) durchzuführen. Im Gegensatz zum qualitativen Interview eröffnet die teilnehmende Beobachtung, so Bergmann (1985), der/dem Evaluator:in die Möglichkeit, ein soziales Geschehen in seinem «tatsächlichen Ablauf» zu verfolgen. Ferner können nicht nur verbale sondern auch non-verbale Kommunikation (z.B. Gesten, Mimik) sowie atmosphärische Eindrücke des Evaluators bzw. der Evaluatorin im Feld (z.B. Stimmung in einem Team) eingefangen werden.
Die teilnehmende Beobachtung ist auch mit Limitationen verbunden: Einerseits methodisch durch das Protokollieren im Feld und die beschränkte Erinnerungs- und Wiedergabefähigkeit der/s Evaluators:in (Bergmann, 1985); andererseits theoretisch, weil die soziale Wirklichkeit anderer Menschen nur bruchstückhaft bzw. eben «approximativ» (Eberle, 1999) verstanden werden kann. D.h. wenn Evaluator:innen ein soziales Feld analysieren, dann machen sie dies durch die eigene Perspektive heraus in «typisierender, resümierender und rekonstruierender Form» (Bergmann, 1985). Trotz dieser limitierenden Faktoren wird die teilnehmende Beobachtung seit ihrer Entstehung1 in den Sozialwissenschaften als einer der wichtigsten methodischen Zugänge verstanden, um soziale Wirklichkeiten zu beschreiben.
Teilnehmende Beobachtung zielt also darauf ab, soziale Wirklichkeit dort zu untersuchen, wo sie entsteht: im Feld bzw. im sozialen Setting. Evaluator:innen sind also über einen bestimmten Zeitraum hinweg in einem sozialen Setting präsent, beteiligen sich in unterschiedlicher Intensität am Geschehen und Dokumentieren soziale Praktiken, Interaktionen und Kommunikation unmittelbar in der Situation. Teilnehmende Beobachtung bewegt sich auf einem Kontinuum von Unvoreingenommenheit und persönlicher Beteiligung bzw. Beobachtung und Teilnahme (Lüders, 2010). Konkret gibt es im Feld verschiedene Grade der (Nicht-)Beteiligung: Am einen Ende stehen Formen der Beobachtung mit minimaler Interaktion, bei denen Evaluator:innen kaum in das Feldgeschehen eingreifen, wenig oder gar nicht mit den beobachtenden Personen sprechen und in manchen Fällen sogar verdeckt beobachten. Am anderen Ende steht eine starke persönliche Beteiligung, bei der die Teilnahme am Feldgeschehen im Vordergrund steht – historisch etwa in frühen anthropologischen und ethnologischen Studien. Diese Form der starken persönlichen Beteiligung ist methodisch anspruchsvoll und auch heikel, da sie mit der Gefahr des «going native» einhergeht. Das «going native» bezeichnet im Rahmen ethnographischer Feldforschung den Prozess der Anpassung der Forschenden an das Erforschte bzw. die untersuchte Lebenswelt. Damit einher geht der Verlust der analytischen Distanz und der mangelnden Reflexion der eigenen Rolle im Feldgeschehen.2
In vielen Forschungsprojekten, so auch in unserem Beispiel (vgl. Kap. 4), wird heutzutage vereinfacht ausgedrückt eine Mischung aus Teilnahme und Beobachtung – teilnehmende Beobachtung eben – eingenommen. Dabei muss der Grad der Involvierung im Feld, d.h. die eigene Rolle, stets und kontinuierlich reflektiert werden. Bspw. muss reflektiert werden, welchen Einfluss die eigene Rolle auf das soziale Geschehen im Feld effektiv haben könnte. Die Reflexion gilt als zentrales Gütekriterien dieser Art von Forschung (Häberle, 2014; Steinke et al., 1999).
Drei Dimensionen sind wichtig
Für teilnehmende Beobachtung im physischen Raum (Beobachtungen in virtuellen Feldern bleiben hier ausgeklammert) empfiehlt Spradley (1985), die Aufmerksamkeit entlang mehreren analytischen Dimensionen zu strukturieren:
- Eine erste Dimension betrifft die Orte bzw. die räumlich-materielle Ordnung des Feldes. Hier geht es um eine dichte, atmosphärische Beschreibung: Welche räumlichen Arrangements sind erkennbar? Wie ist der Ort sozialräumlich gegliedert (z.B. formelle und informelle Zonen, Zugänge, Barrieren)? Und welche impliziten Regeln oder Hierarchien ergeben sich über Raumaufteilungen und die Nutzung von Infrastruktur?
- Eine zweite Dimension fokussiert auf die Subjekte bzw. Konstellation von Personen, die die Evaluator:innen im Feld antreffen: Wer ist im Feld anwesend? Wer fehlt? Wer hat (unter welchen Bedingungen) Zugang? Welche Rollen, Zuständigkeiten und Statuspositionen lassen sich beobachten, und wie werden sie situativ angezeigt – etwa über Sprache, Symbole, Artefakte, Aufgabenverteilung? Der Blick richtet sich hierbei nicht nur auf individuelle Akteure, sondern auch auf deren relationale Einbettung: Koalitionen, Abhängigkeiten, Grenzziehungen und Zugehörigkeiten.
- Eine dritte Dimension umfasst die sozialen Handlungen bzw. die Interaktions- und Praxisformen: Wie koordinieren die Personen im Feld ihr Handeln? Welche Routinen, Entscheidungswege und organisationalen Abläufe sind erkennbar? Welche Kommunikationsformen dominieren (formal/informal, direkt/indirekt), und wie werden normative Erwartungen – etwa über Sanktionen, Humor, implizite Hinweise oder Korrekturen – im Alltag durchgesetzt? Besonderes analytisches Potenzial liegt zudem in Abweichungen: Irritationen, Brüche oder Konflikte machen häufig sichtbar, welche Regeln und Selbstverständlichkeiten das Feld strukturieren.
Vor dem oben geschilderten theoretischen Hintergrund haben wir teilnehmende Beobachtung als Datenerhebungsmethode in der Evaluation des Projekts «Youp’là bouge – Kindertagesstätten in Bewegung»3 eingesetzt – neben Interviews mit dem Betreuungspersonal sowie einer quantitativen Umfrage mit Eltern und Betreuungspersonen.4 Youp’là bouge ist ein Gesundheitsförderungsprogramm, das sich an Kinder zwischen 0 und 4 Jahren, an das Personal von Kindertagesstätten und an Eltern richtet. Ziel des Projekts ist es, die Bewegung und die psychische Gesundheit im Alltag in Betreuungseinrichtungen (Kinderkrippen, Kindergärten, Horte) zu verbessern.
Zu diesem Zweck wurden acht Kindertagesstätten in der Romandie besucht. Die Feldaufenthalte dauerten jeweils 2 - 2.5 Stunden und fanden während des regulären Betriebs statt. Das methodische Vorgehen der teilnehmenden Beobachtung folgte einem klar strukturierten Design: In einem ersten Schritt erfolgte die detaillierte Planung der Feldbesuche inkl. Selektion der Kindertagesstätten in enger Abstimmung mit der Gesundheitsförderung Schweiz (GFCH), der Auftraggeberin der Evaluation sowie der Projektleitung von Youp’là bouge.
Die Datenerhebung im Feld basierte auf einer Kombination von teilnehmender Beobachtung und kurzen, informellen Feldinterviews mit dem Betreuungspersonal. Bei der Vorgehensweise orientierten wir uns an der ethnografischen Methodik nach Spradley (1980), wobei wir bestehende, empirische Konzepte, bspw. der Bewegungsförderung (z.B. SOPLAY) berücksichtigten (McKenzie et al., 2000). Gleichzeitig gingen wir offen genug ins Feld, um neue, im Feld auftauchende Aspekte, miteinbeziehen zu können. Des Weiteren orientierten wir uns an der «fokussierten Ethnographie», wie sie Knoblauch (2001) geprägt hat. Dabei stehen in Kontrast zu früherer, ethnografischer Feldforschung mit Monaten und Jahren im Feld, vor allem kürzere Feldaufenthalte und Einblicke in Lebenswelten und soziale Settings im Vordergrund.
Um dem gerecht zu werden, haben wir für die Besuche mit einem Protokollbogen gearbeitet. Dieser enthielt zunächst Platz, um verschiedene Hintergrundinformationen zur jeweiligen Einrichtung (z.B. Gruppengrösse, räumliche Ausstattung) zu erfassen. Zugleich war ausdrücklich Platz für freie Notizen vorgesehen, um situative Eindrücke und Kontextinformationen differenziert festhalten zu können.
Vor Ort bewegten wir uns frei im Setting – bewusst zurückhaltend, aber präsent – und beobachteten und notierten das Geschehen direkt im Protokoll. Ergänzend wurden Fotografien zur Dokumentation räumlicher Arrangements oder Materialien erstellt. Weitere Dokumente, wie Prospekte, Berichte und Unterlagen wurden gesammelt und in der Analyse mitberücksichtigt. Der Protokollbogen wurde anschliessend um erste Reflexionen ergänzt.5 Eine wichtige Frage im Kontext der Reflexion war bspw., ob und falls ja, in welchem Umfang unsere Anwesenheit die Organisationsstruktur und den Kita-Alltag störten und die Kinder abgelenkt hat.
Teilweise haben uns Kinder wahrgenommen und auf uns reagiert, z.B. um uns etwas zu zeigen. Allerdings hatten wir den Eindruck, dass wir schnell wieder nicht beachtet wurden und das soziale Geschehen nicht verzerrt haben.
Ergänzend fanden im Evaluationsteam regelmässige Peer-Debriefings statt. Diese dienten dem Abgleich von Wahrnehmungen und Perspektiven sowie der Identifikation potenzieller blinder Flecken sowie der gemeinsamen Präzisierung der Befunde. Nicht selten ergaben sich daraus auch Fragen oder Arbeitshypothesen, die gezielt in nachfolgende Beobachtungen eingeflossen sind.
Die teilnehmende Beobachtung entfaltet ihren besonderen Nutzen auch in Evaluationskontexten. Ein zentraler Mehrwert liegt in der Nähe zum Feld: Evaluator:innen erleben soziale Situationen unmittelbar mit und gewinnen dadurch ein tiefes, kontextsensibles Verständnis der untersuchten Praxis. Das ist u.a. bei der Erfassung von Kontexten der Fall, in denen es schwierig ist, die sozialen Realitäten mit Interviews oder Fokusgruppen zu erschliessen (bspw., wenn Kinder oder vulnerable Personen die Zielgruppe sind).
Im Evaluationskontext ermöglicht die Methode es zu verstehen, wie die Zielgruppe Programme, Massnahmen oder politische Interventionen erlebt, was wichtige Einblicke in die Wirksamkeit und die tatsächliche Rezeption der Massnahmen bietet. Die Reaktion von Zielgruppen auf politische oder soziale Massnahmen ist eine zentrale Dimension der Policy-Analyse, die oft nur schwer mit anderen Methoden erfasst werden kann und generell oft vernachlässigt wird (Revillard, 2024, Fischer, 2023). Hier bietet die teilnehmende Beobachtung einen geeigneten Zugang, da sie nicht nur die Ausführung von Programmen untersucht, sondern auch, wie diese von den betroffenen Personen tatsächlich erlebt und interpretiert werden.
Typische Anwendungsfelder könnten daher Projekt-, Programm-, oder Kampagnenevaluationen sein, bei denen nicht nur Outputs und intendierte Wirkungen im Vordergrund stehen, sondern das «Wie» der Umsetzung im Feld – beispielsweise wie Massnahmen konkret in Alltagshandeln übersetzt werden und an welchen Stellen Abweichungen, Reibungen oder Anpassungen entstehen. Dabei kann auch die Frage interessant sein, wie Vorgaben, Ressourcen, professionelle Routinen und situative Aushandlungen ineinandergreifen.
Die Methode ist immer dann besonders geeignet, wenn Lebenswelten, Veranstaltungen oder Praktiken untersucht werden, bei denen sozial-räumliche Arrangements eine zentrale Rolle spielen. In solchen Fällen können auf besondere Weise dichte Beschreibungen des Zusammenspiels von Raum, Akteuren und Praxis vorgenommen werden und Dimensionen des sozialen Geschehens können sichtbar gemacht werden, die vielleicht mit anderen qualitativen Verfahren nur indirekt oder gar nicht erfasst werden können. In Evaluationen könnten bspw. Prozess- und Organisationsabläufe in sozialen Institutionen, Gerichten oder Arbeitsumgebungen untersucht werden.
Gleichzeitig ist teilnehmende Beobachtung nicht in allen Evaluationskontexten sinnvoll oder effizient. Sie ist weniger geeignet, wenn keine soziale Handlungen und Interaktionen im Zentrum stehen – beispielsweise bei primär strukturellen Analysen, wie der Untersuchung überwiegend technischer Abläufe wie Produktionsprozesse in einer Fertigungsstrasse, die sich besser über andere Dokumentationsarten oder Analysemethoden erschliessen lassen (z.B. reine Zählungen oder Erhebungen von Kennzahlen). Ebenso ist sie kein Verfahren für die reine Erhebung von Sach- oder Expertenwissen. Wenn es vorrangig darum geht Fachwissen zu erheben, sind andere qualitative Methoden besser geeignet.
In der Konsequenz sollte die Entscheidung für teilnehmende Beobachtung stets von den Evaluationsfragestellungen her getroffen werden: Dort, wo das Verstehen von Praxis, Routine und Interaktion zentral ist, bietet sie einen hohen Erkenntnisgewinn. Dort, wo vorrangig Rekonstruktion von Fachwissen, Strukturen oder formalisierte Prozesse erhoben werden sollen, ist sie häufig nicht das Mittel der ersten Wahl.
Chancen und Vorteile teilnehmender Beobachtung in Evaluationen
Teilnehmende Beobachtung ist im Evaluationskontext häufig eine innovative Methode. Viele Auftraggebende sind mit ihr wenig vertraut oder setzen sie selten ein. Gerade daraus kann ein zusätzlicher Mehrwert entstehen, sofern das Vorgehen transparent kommuniziert und die Logik und der Nutzen der Methode nachvollziehbar vermittelt wird.
Ein weiterer praktischer Vorteil liegt in der guten Kombinierbarkeit mit informellen Feldinterviews. Da sich die Forschenden ohnehin im Feld aufhalten, können kurze Gespräche situativ geführt werden, ohne zusätzliche Wege oder Termine einzuplanen. Darüber hinaus eignet sich teilnehmende Beobachtung in besonderem Masse für methodische Triangulationen: Als Ergänzung zu Interviews, Befragungen oder Dokumentenanalysen trägt sie dazu bei, Befunde zu kontextualisieren, und in Beziehung zu unterschiedlichen Datenquellen zu setzen.
Herausforderungen und Nachteile teilnehmender Beobachtung in Evaluationen
Methodisch ist teilnehmende Beobachtung insgesamt zeit- und ressourcenintensiv: Planung, Feldzugang, Durchführung, Protokollierung und Auswertung erfordern ein hohes Mass an Sorgfalt und zeitlichem Einsatz. Hinzu kommt der Kostenfaktor, da physische Präsenz im Feld Reisezeiten und Spesen mit sich bringt und die Methode im Vergleich zu anderen Erhebungsmethoden relativ kostenintensiv macht.
Aus Gründen der Budgetierung und Transparenz müssen Anzahl und Dauer der Feldaufenthalte häufig bereits im Vorfeld – etwa in Offerten – festgelegt werden. Dies steht im Spannungsverhältnis zu einem induktiven Forschungsverständnis, das Offenheit, iterative Anpassungen und flexible Feldzugänge voraussetzt.
Ein weiterer methodisch herausfordernder Aspekt betrifft die potenzielle Beeinflussung: Die blosse Präsenz der Forschenden kann das Feld verändern und damit Einfluss auf das beobachtete Geschehen nehmen. Schliesslich stellt sich stets die Frage nach der Balance zwischen Nähe und Distanz. Einerseits ist der Aufbau von Vertrauen notwendig, um Zugang zu informellen oder impliziten Prozessen zu erhalten. Andererseits erfordert teilnehmende Beobachtung eine kontinuierliche Reflexion der eigenen Rolle, um analytische Distanz zu wahren.
Um diese Reflexion sowie auch die praktische Durchführung zu gewährleisten, wird sowohl in der Methodenliteratur als auch in den Leitlinien zur Ethik ethnografischer Forschung empfohlen, dass teilnehmende Beobachtung von «geschultem» und «erfahrenem» Personal durchgeführt werden sollen. Bei dieser Art von Erhebung handle es sich um methodisch «anspruchsvolle Tätigkeit», bei der «kompetente, geschulte Forschende» eingesetzt werden sollen (European Commission & Iphofen, 2021). Die Diskussion über die Anwendung von Beobachtungsmethoden und deren Integration in die Ausbildung von Evaluator:innen ist schon lange ein Thema in der akademischen Debatte (LeCompte/Preissle Goetz, 1982). Da nicht alle Evaluator:innen ausreichend geschult sind, um diese komplexe Methode effektiv anzuwenden und die notwendige Reflexion der eigenen Rolle zu gewährleisten, ist die Ausbildung der Evaluationscommunity ein wichtiger Aspekt.
Als letzter Diskussionspunkt stellen sich im Rahmen von Feldforschungen ethischen Fragen, die je nach Zielgruppen und Setting unterschiedliche Anforderungen an ethische Protokolle und Freigaben stellen. Besonders in sensiblen Settings – z. B. bei der Beobachtung von vulnerablen Gruppen oder bei der Arbeit mit sensiblen Themen– muss auf Anonymität und Datenschutz der beobachteten Personen besonders geachtet werden. Bei der Erhebung gesundheitssensibler Daten sind bspw. im Sinn des Humanforschungsgesetzes (HFG) ggf. Bewilligung(en) einer oder mehrerer kantonalen Ethikkommissionen bzw. im mindesten eine sog. Unbedenklichkeitserklärung erforderlich.
Die teilnehmende Beobachtung bietet ein grosses methodisches Potenzial für Evaluationen, das jedoch bislang nicht vollständig ausgeschöpft wird. Sie ermöglicht eine tiefere, kontextualisierte Analyse von Praktiken und sozialen Interaktionen, die über die Perspektiven von Interviews oder Fokusgruppen hinausgeht. Durch die Erfassung von non-verbalen Aspekten und atmosphärischen Eindrücken bietet sie eine umfassendere «dichte Beschreibung» der sozialen Realität bspw. indem sie das «Wie» der Umsetzung von Programmen erfasst – also die tatsächlichen Handlungen und die Dynamik der Interaktionen im sozialen Feld. Besonders wertvoll ist die teilnehmende Beobachtung für die Untersuchung von Ritualen, Routinen und Konflikten, die mit anderen Methoden schwer fassbar sind. Jedoch ist sie nicht immer die beste Wahl, insbesondere bei strukturellen oder technischen Analysen. Sie erfordert hohe Ressourcen, geschultes Personal und kann durch die Anwesenheit der Forschenden das Feld beeinflussen. Insgesamt stellt die teilnehmende Beobachtung ein wertvolles Instrument dar, das in der Evaluation zunehmend genutzt werden sollte, wenn soziale Prozesse und die praktische Umsetzung im Vordergrund stehen.
Lic. Phil. Dominik Robin (Senior Projektleiter Ecoplan), MA Melis Aktüre (wissenschaftliche Mitarbeiterin Ecoplan bis Jan 26), Dr.sc.med. Simon Endes (Geschäftsfeldleiter Gesundheitsförderung und Prävention Ecoplan).
- Berger, Peter / Luckmann, Thomas (1977): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, in: Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt a. M.: Fischer-Verlag.
- Bergmann, Jörg (1985): Flüchtigkeit und methodische Fixierung sozialer Wirklichkeit: Aufzeichnungen als Daten der interpretativen Soziologie, in: Bonss, Wolfgang / Hartmann, Hans (Hrsg.), Entzauberte Wissenschaft: Zur Relativität und Geltung soziologischer Forschung (Sonderband 3 der Zeitschrift Soziale Welt), Göttingen: Schwarz, S. 299–320.
- Eberle, Thomas (1999): Die methodologische Grundlegung der interpretativen Sozialforschung durch die phänomenologische Lebensweltanalyse von Alfred Schütz, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 24(4), S. 65–90.
- European Commission und Iphofen, Ron (2021): Research Ethics in Ethnography/Anthropology, Brüssel.
- Fischer, Nicolas: Direct Observation and Ethnography, in: LIEPP Methods Brief n°8, 2023. ffhal04097828f.
- Geertz, Clifford (1973): Thick description: Toward an interpretive theory of culture, in: The interpretation of cultures: Selected essays, New York: Basic Books, S. 3–30.
- Häberlein, Tabea (2014): Einleitung: Teilnehmende Beobachtung weiter gedacht: Erkenntnisgewinne durch Reflexionen zur eigenen Rolle in der ethnologischen Feldforschung, in: Sociologus, 64(2), S. 117–125.
- Knoblauch, Hubert (2001): Fokussierte Ethnographie: Soziologie, Ethnologie und die neue Welle der Ethnographie, in: Sozialer Sinn 2(1), S. 123–144.
- Lamnek, Siegfried / Krell, Claudia (2016): Qualitative Sozialforschung. 6., überarbeitete Auflage, Beltz Verlag.
- LeCompte, Margaret / Preissle Goetz, Judith (1982): Ethnographic Data Collection in Evaluation Research, in: Educational Evaluation and Policy Analysis, Vol. 4, No. 3, S. 387–400.
- Lüders, Christian (2010): Beobachten im Feld, in: Flick, Uwe / von Kardorff, Ernst / Steinke, Ines (Hrsg.), Qualitative Forschung: Ein Handbuch, 9. Aufl., Rowohlt, S. 384–401.
- McKenzie, Thomas / Marshall, Simon / Sallis, James / Conway, Terry (2000): Leisure-Time Physical Activity in School Environments: An Observational Study Using SOPLAY, in: Preventive Medicine, 30(1), S. 70–77. https://doi.org/10.1006/pmed.1999.0591.
- Revillard, Anne (2024): How people experience policies: the study of policy reception, in: Sager, Fritz / Mavrot, Céline / Keiser, Lael, Handbook of Public Policy Implementation, Cheltenham, UK: Edward Elgar Publishing. from https://doi.org/10.4337/9781800885905.00052.
- Spradley, James (1980): Participant Observation, London: Wadsworth.
- Steinke, Ines (1999): Kriterien qualitativer Forschung. Ansätze zur Bewertung qualitativ-empirischer Sozialforschung, Juventa Verlag.
- 1 Die historischen Wurzeln liegen in der Anthropologie und Ethnologie, in der Sozialreformbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in den USA und in Grossbritannien (Lüders, 2010) sowie später in der Chicagoer Schule der Soziologie, die massgeblich zur Entwicklung der ethnografischen Feldforschung in der – aus der Perspektive westlicher Forscher:innen – «eigenen» Kultur beigetragen hat.
- 2 Für eine Diskussion siehe u.a. Häberle (2014).
- 3 Inspiriert vom Deutschschweizer Projekt «Purzelbaum» entstand Youp’là bouge aus der Zusammenarbeit zwischen den Kantonen Jura, Neuenburg, Wallis, Waadt und von 2014 bis 2020 Genf. Das 2009 lancierte Projekt ist seit 2012 in den Kantonen Bern, Jura, Neuenburg, Wallis und Waadt auch als Qualitätslabel anerkannt.
- 4 Die Evaluation wurde in Kooperation zwischen Interface im Lead mit Ecoplan (verantwortlich für die teilnehmende Beobachtung) im Auftrag von Gesundheitsförderung Schweiz durchgeführt.
- 5 Der Protokollbogen bestand aus zwei Ebenen, einerseits aus deskriptiven Beschreibungen, die aus den Beobachtungen resultierten; andererseits aus Memos und Hinweisen, die aus der Reflexion der Evaluator:innen stammten. Diese beiden Ebene wurden bewusst und farblich getrennt.