Liebe Leserinnen und Leser
Wir freuen uns, Ihnen die neue Ausgabe der Zeitschrift LeGes – Gesetzgebung & Evaluation präsentieren zu dürfen.
Drei Beiträge verdeutlichen auf unterschiedliche Weise, wie eng Sprache, Struktur und rechtliche Wirkung miteinander verflochten sind.
Andreas Glaser illustriert am Beispiel einer sprachlich fehlerhaften Volksinitiative, wie heikel die Grenze zwischen formalen Mängeln und politischen Handlungsspielräumen sein kann – und welche Fragen sich daraus für die Gültigkeitsprüfung ergeben.
Lucas Stutz arbeitet anhand des Ikonizitätsprinzips in der Gesetzesredaktion heraus, wie sich durch die Gestaltung von Textstrukturen die Verständlichkeit von Erlassen gezielt verbessern lässt.
Daria Evangelista zeigt am Beispiel internationaler Umweltabkommen, dass Übersetzungen weit mehr sind als sprachliche Übertragung – sie sind Teil der rechtlichen und pragmatischen Gestaltung von Normen.
Die nächsten beiden Beiträge verorten Evaluation klar in sozialen Kontexten und zeigen, wie sehr Erkenntnisgewinn von den Bedingungen realer sozialer Situationen geprägt ist.
Laetitia Mathys und Pierre-Alain Roch richten den Blick auf eine oft unterschätzte Realität der Evaluation: den produktiven Umgang mit fehlenden oder unvollständigen Daten und die Erkenntnisse, die gerade daraus entstehen können.
Dominik Robin, Melis Aktüre und Simon Endes eröffnen in ihrem Beitrag für den SEVAL-Kongress neue Perspektiven auf Evaluationen, indem sie das Potenzial der teilnehmenden Beobachtung sichtbar machen – gerade dort, wo klassische Methoden nur begrenzt weiterführen.
In Ihrem Tagungsbeitrag beschreibt Emmanuelle Reuter den Wandel des Innovationsbegriffs und macht deutlich, wie sich damit auch die Anforderungen an ihre Evaluation verändern – von klassischen Ansätzen hin zu systemischen Perspektiven im Zeitalter von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz.
Julia Rickenbacher hat den Tagungsbericht zum SEVAL-Kongress 2025 für diese Ausgabe verfasst.
Urs Bolz nimmt uns mit auf eine Rückschau zu 30 Jahren «Neue Verfassung» des Kantons Bern und geht der Frage nach, was eine Verfassungsrevision erfolgreich und nachhaltig prägt. Abgerundet wird diese Ausgabe mit drei Rezensionen von Roland Gerne und Jean-Luc Egger und dem jährlichen Literaturhinweis.
Die aktuelle Ausgabe sowie das gesamte Archiv der Zeitschrift LeGes sind für alle kostenlos unter leges.weblaw.ch zugänglich.
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre!
Für Editions Weblaw
Sophie Althoff
Abstract
Der Text der von den Stimmberechtigten des Kantons Bern am 9. Februar 2025 verworfenen Volksinitiative «Berner Solar-Initiative» enthielt einen unvollständig formulierten Artikel, obwohl die Initiative im Übrigen die Form eines ausgearbeiteten Entwurfs aufwies. Der Beitrag untersucht anhand dieses Falls, welche Handlungsoptionen dem Grossen Rat im Rahmen der Gültigkeitsprüfung einer Initiative zustehen, wenn diese sprachlich fehlerhaft ist.
Abstract
Das Ikonizitätsprinzip besagt, dass sprachliche Strukturen wie Satzbau oder Artikelstruktur inhaltlichen Strukturen folgen sollen. Der vorliegend Beitrag zeigt anhand von Beispielen aus der Praxis auf, wie die Anwendung dieses Prinzips zu verständlicheren Erlasstexten führen kann. Indem inhaltliche Strukturen bereits durch die formale Textgestaltung vorweggenommen werden, können die im Text enthaltenen Informationen mit geringem kognitiven Aufwand verknüpft werden. Die massgeblichen Textgestaltungsmittel sind dabei die Abfolge und der Abstand der Informationen innerhalb des Textes.
Abstract
Evaluationen öffentlicher Politiken sehen sich häufig ausserstande, die ursprünglich gestellten Evaluationsfragen zu beantworten, da verfügbare Daten fehlen bzw. fragmentiert oder von geringer Zuverlässigkeit sind. Der vorliegende Beitrag vertritt die Auffassung, dass die Unfähigkeit, Aktivitäten und ihre Wirksamkeit zu analysieren, keine Schranke der Evaluationstätigkeit darstellt, sondern die Leistungsschwächen der evaluierten Entität offenbart und insofern ein massgebliches Evaluationsergebnis bildet. Anhand einer Fallstudie – einer Evaluation der Finanzkontrolle des Kantons Genf aus dem Jahre 2025 zur Betreuung junger Erwachsener in der Sozialhilfe – entfaltet der Beitrag eine theoretisch-kritische Untersuchung der dabei aufgetretenen analytischen Grenze. (xf)
Abstract
Der vorliegende Beitrag analysiert völkerrechtliche Umweltübereinkommen mit besonderem Augenmerk auf die pragmatische Komponente von Soft-Law-Bestimmungen. Mittels eines korpusbasierten und kontrastiven Ansatzes werden die sprachlichen und rhetorischen Merkmale englischsprachiger Ausgangstexte untersucht und mit den italienischen Übersetzungen der Europäischen Union und der Schweizerischen Eidgenossenschaft verglichen. Die Ergebnisse belegen eine Tendenz zur Verstärkung von Normativität und pragmatischer Dimension, insbesondere in den schweizerischen Übersetzungen. Darüber hinaus machen sie einen relativen Gestaltungsspielraum für Übersetzerinnen und Übersetzer sichtbar, welche sich mitunter für Lösungen entscheiden, die stärker am Zweck des Übereinkommens ausgerichtet sind. (xf)
Abstract
Die teilnehmende Beobachtung bietet ein grosses Potenzial für Evaluationen, das bisher oft ungenutzt bleibt. Sie ermöglicht eine tiefgehende, kontextualisierte Analyse von sozialen Praktiken und Interaktionen, die oftmals über die Erhebungen mit Interviews und Fokusgruppen hinausgeht. Besonders wertvoll ist sie bei der Untersuchung des «Wie» der Programmdurchführung in verschiedenen Politikfeldern und Evaluationssituationen. Trotz ihres hohen Ressourcenaufwands und methodischer Herausforderungen stellt sie eine bedeutende Methode für praxisorientierte, nutzenstiftende Evaluationen dar.
Abstract
Der Begriff der Innovation mutiert von einem linearen, technozentrierten Verständnis hin zu einem systemischen Ansatz, der heutzutage auf nachhaltige und digitale Transformation ausgerichtet ist. Angesichts dieses Wandels gewinnt die Evaluation von Innovation zunehmend an zentraler Bedeutung. Der vorliegende Beitrag zeichnet die wesentlichen Entwicklungslinien der massgeblichen Konzeptionen der Innovation sowie ihrer Evaluation im zeitlichen Verlauf nach. Das Schwergewicht liegt dabei auf den Herausforderungen systemischer Innovation und den möglichen Beiträgen künstlicher Intelligenz. (xf)
Abstract
Rund 120 Fachleute diskutierten am SEVAL-Kongress 2025, wie sich Innovation in verschiedenen Politikfeldern evaluieren und für Lernprozesse nutzbar machen lässt. Fünf Workshops beleuchteten zentrale Herausforderungen: Von der kausalen Wirkungsmessung über die Evaluation komplexer Programme und innovationsfördernder Regulierung bis hin zu praxisnahen Ansätzen bei Pilotprojekten. Im Fokus standen methodische Fragen, Zielkonflikte und die konkrete Nutzung der Evaluation als Entscheidungsgrundlage.
Abstract
Die «neue» Berner Kantonsverfassung wurde am 6. Juni 1993 vom Volk mit überwältigendem Mehr von 78% der Stimmen angenommen und trat am 1. Januar 1995 in Kraft. Was war das Erfolgsrezept dieser Verfassungsrevision, die zahlreiche innovative Inhalte hervorbrachte und auch die Totalrevision der Bundesverfassung inspirierte? Der folgende Text ist die leicht überarbeitete und mit Anmerkungen ergänzte Fassung des von mir anlässlich einer Veranstaltung zum 30-jährigen Jubiläum der Kantonsverfassung gehaltenen Referats.